Camino Portugues,  Jakobsweg Blog

Wie alles begann: Oder was der Sonnenuntergang mit meinem Jakobsweg zu tun hat

Man sagt, der Jakosweg ruft dich, wenn du ihn gehen sollst. Und alle, die ihn jemals rufen gehört haben, wissen, wie sich das anfühlt. Ich habe ihn auch rufen gehört. Mal leiser, mal lauter. Ich wollte das „schon immer mal machen“, was wahrscheinlich einige Menschen sagen. Als ich über Ostern Urlaub hatte, hörte ich den Jakobsweg dann so laut rufen, dass ich beschlossen habe, konkreter in die Planung zu gehen. Wobei man es nicht Planung, sondern eher Recherche nennen sollte. Das umfasste die Auswahl einer Route, mögliche Flüge und die Ausrüstung.

Der „klassische“ Jakobsweg, der Camino Francés ist 800 km lang. Das erschien mir etwas zu viel fürs erste Mal. Ich habe mich dann für den Camino Portugues entschieden. Also habe ich mir einen Reiseführer gekauft, in dem ich dann ein paar Mal geblättert habe. Darin habe ich mir einen Überblick über die einzelnen Etappen verschafft. Der Camino Portugues führt von Porto in Portugal nach Santiago de Compostela in Spanien. Man kann den zentralen Weg (245km), durch das Landesinnere wählen oder einen Weg entlang der Küste (280km). Ich habe den Küstenweg ausgewählt, weil ich das Meer so sehr liebe. Der Küstenweg dauert jedoch länger, als der zentrale Weg. Zwei Tage mehr sollte man einplanen. Also insgesamt 13 Tage. Mit Hin- und Rückflug wäre ich also schon 15 Tage unterwegs. Ein zweiwöchiger Urlaub reicht da nicht. Ich habe also beschlossen, dass es schon drei Wochen Urlaub sein müssen. Finanziell plante ich so 25-30€ pro Tag ein (Ja, inklusive allem: Schlafen, Essen, Kaffee). Wenn ich noch ein bisschen Geld zu meinem gesparten dazulegte, konnte ich das gut finanzieren. Ein konkretes Startdatum hatte ich aber nie. Ich überlegte hin und her, ob ich im Juni oder September starten soll. Juli und August fielen raus, weil ich mich nicht der Hitze ergeben wollte.

Und dann plötzlich: Es war ein Samstagabend Ende Mai, habe ich die Flüge einfach gebucht. Abflug: 14 Tage später. Das Problem ist nämlich: Warten kann ich nicht besonders gut. Wenn ich etwas will oder mir etwas in den Kopf setze, dann will ich es sofort.
Ich kann mich noch genau an die Situation erinnern. Ich saß mit einem Glas Wein draußen und habe mir den Sonnenuntergang angesehen. Er ist immer wunderschön, aber an dem Tag war er besonders schön. Ich liebe es, wenn der Himmel in bunten Farben erscheint. Und von meinem Balkon habe ich jeden Tag einen Platz in der ersten Reihe. An diesem Tag hat das Sonnenlicht das angrenzende Feld in goldenem Licht schimmern lassen.

Ich hatte also zum zehnten Mal die Ryanair App aufgerufen und mir zum zehnten Mal den Flug am 9. Juni angesehen. Er war von den Zeiten und vom Abflughafen her perfekt. Einen dreiwöchigen Urlaub hatte ich mit meinem Arbeitgeber (vorher sicherheitshalber) schonmal abgeklärt. Also sagte ich mir: „Scheiß drauf“ und klickte ich einfach auf buchen. Okay damit stand mein Abenteuer dann fest. Ich hatte also noch zwei Wochen Zeit, um meine komplette Ausrüstung zu besorgen.

Da ich eine gute Shopperin bin, stellte das keine große Herausforderung für mich dar. Ich brauchte nur die nächste Woche (und fünf Besuche bei Decathlon), um alles beisammen zu haben. Außerdem informierte ich mein Umfeld über meine Reise. Manche reagierten geschockt, andere freuten sich sehr für mich und wieder andere hatten absolut kein Verständnis dafür, „dass man sich sowas antut“. War mir aber egal. Außerdem musste ich einen Unterschlupf für meine Hasen finden. Den fand ich dann auch schnell bei der Züchterin, wo ich sie damals gekauft hatte. Am Samstag, den 1. Juni, schaute ich so auf meine gekauften Artikel und dachte mir: „Wow, ich habe alles!“. Schlafsack, aufblasbares Kopfkissen, Mikrofaserhandtücher, Pilgerausweis, Pilgermuschel und natürlich Wanderschuhe, die ich allerdings wohl kaum bis dahin noch hätte einlaufen können.

Die nächste Woche verbrachte ich dann damit, den Rucksack unzählige Male ein- und auszupacken. Ohne Proviant wog er nämlich schon 8 Kilo und ich habe gelesen, man sollte lediglich 10% seines eigenen Körpergewichts + 10% dazu auf dem Rücken tragen. Aber dieses Ziel werde ich wohl nicht erreichen. Ich nahm also jedes Teil in die Hand und fragte mich, ob ich es wirklich brauchte. So flogen dann einige Kleidungsstücke raus, sowie meine Birkenstocks und meine Flip Flops. Ich hatte nämlich die glorreiche Idee, mir Bade-Birkis zu kaufen! Die konnte ich dann sowohl zum Duschen, als auch zum Rumlaufen benutzen (die Idee war wirklich glorreich, wie ich dann auf dem Camino feststellte. Nein, das ist keine Ironie, ich meine es ernst.) Im Übrigen habe ich auch meine Haarspülung aussortiert. Das erwies sich jedoch im Nachhinein nicht als sonderlich klug, denn nach der Rückkehr mussten meine Haare um zwei cm gekürzt werden. Auch klassisches Duschgel oder Shampoo in gelartiger Beschaffenheit habe ich zu Hause gelassen. Stattdessen habe ich mir festes Shampoo und ein Stück Seife für den Körper gekauft. Body Lotion? Brauche ich nicht! Wie knallhart man werden kann, wenn man nicht so viel schleppen möchte, oder?! 

Während meiner ganzen Planung und Aussortiererei habe ich eines nie gespürt: Angst. Ich glaube meine Familie hatte mehr Angst um mich. Ich hingegen habe mich einfach voller Hoffnung und Vorfreude gefühlt. Um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: Wenn man etwas mit Angst beginnt, sollte man es gleich sein lassen. Recht hat sie. Ich bin selbst verwundert darüber, dass mir diese Reise keine Angst macht. Vorallem, weil ich ja nichts geplant habe. Mit Ausnahme des Hostels am ersten Tag in Porto hatte ich auch keine Unterkunft gebucht. Ich wollte alles spontan entscheiden, also gab es auch nichts zu planen. So richtig wusste ich auch nicht, was mich erwartet. Meine einzige Vorbereitung war, dass ich „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling erst als Hörbuch gehört habe und mir anschließend den Film angesehen habe. Irgendeine Art von Veränderung stellt sich also auf dem Jakobsweg ein. Ich war gespannt, was das wohl bei mir sein sollte! Das Buch hatte ich außerdem vor einigen Jahren schon einmal gelesen und daher kam wohl auch der Wunsch, den Jakobsweg irgendwann mal zu gehen.

Das einzige, wovor ich Angst hatte, war der Flug. Fliegen ist überhaupt nicht meins. Am Flughafen habe ich mich bisher immer auf meine Mitreisenden verlassen, weil ich zu aufgeregt war, um auf mich selbst aufzupassen. Aber wie ich so passend im Buch „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“ von John Strelecky gelesen habe: Ich lasse mich von meinem Ziel, den Jakobsweg zu gehen, doch nicht von so einem kleinen Detail wie dem Flug aufhalten. Das war dann mein Mantra und es hat tatsächlich geholfen, mich zu beruhigen.

Neugierig, wie ich den Flug erlebt habe? Jetzt weiterlesen im nächsten Artikel.

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