Camino Portugues,  Jakobsweg Blog

Etappe 10: Eine Nacht im Kloster

Hach es ist immer wieder herrlich in einem richtigen Bett, mit einer richtigen Bettdecke und einem richtigen Kissen aufzuwachen. Dieses Apartment ist wirklich super. Letztendlich zahen wir in Apartments immer genau so viel, wie in einer Pilgerunterkunft und qualitativ haben wir hier einfach mehr für unser Geld. Nach einem schnellen Frühstück (ohne Kaffee, weil wir mal wieder verpeilt haben welchen zu kaufen) packen wir unsere Rucksäcke und marschieren los. Nach ca. 100 Metern erreichen wir ein Hotel inklusive Café und beschließen mit unserer Tradition fortzufahren und wie immer erst einmal einen Kaffee zu trinken … Ja klingt irgendwie merkwürdig aber tatsächlich haben wir uns alle an dieses Ritual gewöhnt und ohne Kaffee geht es eben nicht. Heute müssen wir tatsächlich ein wenig schneller gehen, denn das Kloster, das wir besuchen möchten, hat nur 30 Schlafplätze und man sollte frühzeitig vor Ort sein. Geöffnet wird dort um 16 Uhr. Vor uns lagen ca. 20 Kilometer, das sollte kein Problem darstellen. Das Kloster ist im Ort Herbon. Das eigentliche Tagesziel wäre Padron, für das Kloster müssen wir aber einen Schlenker gehen und somit einige extra-Kilometer in Kauf nehmen. Das machte uns aber nichts aus, da es bestimmt ein Erlebnis werden würde, dort zu übernachten. Leider regnete es weiter, sodass wir wieder unsere Regencapes überwerfen mussten. An meinem gingen wieder ständig die Knöpfe auf, was mich tatsächlich ein wenig aufregte. Die Luft war eher schwül warm, sodass auch unter dem Regencape ein sauna-artiges Klima entstand. Aber wir trotzten dem Wetter und machten uns gute Laune, indem wir Musik vom Handy abspielten und singend und tanzend weitergingen. Die Musik war bunt gemixt. Von Celine Dion über Backstreet Boys bis zu meinem absoluten Lieblings-Regenlied von Jermaine Jackson:
“And when the rain begins to fall
You’ll ride my rainbow in the sky
And I will catch you if you fall
You’ll never have to ask me why”

Na, wer hat den Text auch gerade gesungen anstatt zu lesen?
Bin ich froh, dass die anderen drei ähnlich verrückt im Kopf sind, wie ich. Tatsächlich haben uns nämlich andere Pilger komisch angeguckt. Aber auf dem Camino ist alles erlaubt, was der Seele gut tut. Und um ein wenig zu spoilern: Dieser Tag tat meiner Seele unglaublich gut.

Als sich so langsam der Hunger bemerkbar machte, steuerten wir ein Pilger-Café an. Dadrin war es aufgrund des Regens aber so dermaßen überfüllt, dass wir einfach beschlossen, weiterzugehen und eben einfach Hunger zu haben. Tatsächlich hatte ich noch immer den ein oder anderen Müsliriegel im Rucksack, der uns über Wasser hielt … Keine Ahnung, wo sich die ganzen Riegel versteckt hatten. Wahrscheinlich sind da heute noch welche drin!

Auf dem Weg begann uns plözlich ein Hund zu folgen. Er war ganz nass und sah sehr unglücklich aus. Er tat mir so leid, ich hätte ihn am liebsten mitgenommen. Als wir zu einer Straßenkreung kamen, versuchte ich ihn zu verscheuchen, damit er nicht von einem Auto überfahren wird. Generell habe ich viele Streuner gesehen, die teilweise nicht mehr richtig laufen konnten oder verletzt waren. Soetwas zu sehen bricht mir echt das Herz. Kein Lebewesen sollte so leiden müssen.

Wie aus dem Nichts tauchte dann ein Gebäude auf, in dem offensichtlich ein Supermarkt und ein Bistro war. Das kam wie gerufen, denn wir hungerten noch immer. Wir bestellten an einer Theke und mussten dann á la Starbucks unseren Namen zur Bestellung nennen. Gesagt, getan. Den Namen notierte sich der Kellner dann. Wir setzten uns an einen Tisch und entdeckten am Nebentsich die Gruppe Asiaten, die wir auch schon vorher in diesem verrückten Wohnzimmer-Restaurant gesehen hatten! Ralphy unterhielt sich mit ihnen und erfuhr, dass die Gruppe es sich zur Aufgabe gemacht hatte, in jedem Restaurant ein neues Bier zu probieren. Okay, so kann man auch pilgern. Warum nicht.

Dann kam auch schon der Kellner mit der Bestellung und er hatte wohl meinen Namen falsch verstanden. Er dachte nämlich ich würde “Penis” heißen. Jo, danke. Mein Sandwich schmeckte wie immer nicht so lecker. Nach dem Essen kauften wir uns im Supermarkt noch Süßigkeiten, die uns einen kleinen Energieschub für den Rest des Weges verliehen.

Regen ….

Nach einiger Zeit erreichten wir eine Abzweigung. Links ging es nach Padron und rechts zum Kloster nach Herbon. Wir gingen also nach rechts – wohl bemerkt, ohne zu wissen, ob in dem Kloster noch Schlafplätze frei sind. Denn wenn nicht, müssen wir den ganzen Weg wieder zurückgehen. Unterwegs sahen wir jedoch nicht einen Pilger, sodass wir davon ausgingen, dass unsere Chancen ganz gut standen. Außerdem war es auch erst Mittagszeit.

In dem Ort Herbon gibt es, mit Ausnahme des Klosters, nicht viel zu sehen. Auch keinen Supermarkt, um beispielsweise ein kleines Mittagessen zu kaufen. Also gingen wir direkt zum Kloster, um uns einen Überblick zu verschaffen, wie viele Pilger bereits dort waren. Tatsächlich lagen erst 3 Rucksäcke aufgereiht vor der Tür. Unser Schlafplatz war also sicher! Wir legten unsere Rucksäcke in die Schlange (Grundsätzlich stellt man sich auf dem Jakobsweg mit Rucksäcken oder Schuhen an.) und erkundeten den Vorhof des Klosters. Ernüchterung machte sich breit. Alle möglichen Türen waren verschlossen. Keine Toilette und keine Möglichkeit, sich bei Regen unterzustellen. Und hier sollten wir nun bis 16 Uhr warten. Zum Glück bekam man mit der Übernachtung im Kloster auch ein Abendessen. Wann würde es hier wohl Essen geben? Wir dachten uns, dass es bestimmt gegen 18 Uhr soweit sein würde.

Mit der Zeit kamen mehr Pilger. Bisher alle deutsch. Auch diejenigen, dessen Rucksäcke schon vor uns da waren kehrten zurück. Sie berichteten, dass ca. einen Kilometer entfernt eine Bar war, wo man etwas essen könne.

Sie erklärten uns den Weg und wir marschierten los. Leider handelte es sich bei dieser Bar um das letzte Loch. Essen würden wir hier garantiert nicht. Es war dreckig, klebrig und alle Leute schauten uns komisch an. Unser Blick fiel auf die Eistruhe. Wir hatten daraufhin wohl alle die selbe Idee. Das Eis war ja schließlich eingepackt, also unbedenklich. Wir kauften Eis und Wasser und gingen wieder zurück. Schnell stellte sich heraus, dass sich das Eis geschmacklich an die Bar angepasst hatte. Ich überprüfte das Haltbarkeitsdatum. Es war noch gut, jedoch ca. fünfmal aufgetaut und wieder eingefroren. Alle Hoffnung lag jetzt auf dem Abendessen im Kloster. Mittlerweile war der Hof vorm Kloster gut gefüllt. Einige bekannte Gesichter waren auch dabei. So vertrieben wir uns die Wartezeit, indem wir uns alle gegenseitig kennenlernten. Zum Glück regnete es nicht mehr. Einen Pilger hatte ich sofort auf dem Kieker: Auch ein deutscher, aber eher die Marke “Malle-Tourist” und grundsätzlich mit der Gesamtsituation unzufrieden. Mit solch negativen Menschen habe ich so meine Probleme, also beschloss ich, ihn einfach zu ignorieren.

Um Punkt 16 Uhr öffnete sich die Tür des Klosters. Ein alter Mann kam heraus und wies uns an, uns zu zweit aufzustellen. Der Eintritt wurde immer nur paarweise gestattet. So gingen die ersten beiden rein. Nach ca. 10 Minuten wurden die nächsten hereingebeten. Dann waren auch schon Nici und Sabina an der Reihe. Nach ihnen durften Ralph und ich herein. Der alte Mann befiel uns, sofort die Schuhe auszuziehen und sie in ein dafür vorgesehenes Regal zu stellen. Dann nahmen wir an einem Schreibtisch platz. Hinter dem Tisch saßen der alte Mann und eine alte Frau. Seine Frau, wie sich später herausstellte. Die beiden überprüften unsere Personalausweise sowie unseren Pilger-Pass. Ralphy wurde von der Frau ermahnt, weil in seinem Pilger-Pass kein Name stand. Er wurde sofort aufgefordert, den Pass richtig auszufüllen. Ich hatte das Gefühl, dass hier niemand gerne Widerworte geben wollte. Auf dem Tisch lag ein Zeitplan für den heutigen Tag. Mein Blick fiel sofort auf das Wort Abendessen. Da stand 20:30 Uhr?! Aiaiai. Um 18 Uhr gab es eine Führung durch das Kloster und um 20 Uhr eine Pilgermesse in der Kirche.
Nach der Registrierung bekamen wir hygieniesche Überzieher für die Matratze und das Kissen. Das waren eher so dünne Hauben, die wahrscheinlich nur den Eindruck von eingehaltener Hygiene wahren sollten. Der alte Mann teilte uns die Nummer unserer Schlaf-Nische mit und verabschiedete uns.
In der Schlaf-Nische befand sich eine Art Hochbett. Das obere Bett war auf einem Brett an die Wand montiert. Ralphy wollte gerne oben schlafen, so bezog ich das untere Bett.

Als wir dabei waren, uns einzurichten, kam der Malle-Tourist auf mich zu. “Es gibt nur eine Toilette!”, sagte er. Ich antwortet: “Aha, okay…” und ich fuhr fort, mein Bett zu beziehen. Nach einiger Zeit kam er wieder. “Bei den Duschen sind noch weitere Toiletten.”
Super! Danke für die Info. Wieso quatschen mich eigentlich immer alle an?

Nachdem ich das Bett eingerichtet hatte, besuchte ich den Duschbereich. Es überraschte mich, dass das Wasser sogar warm war, obwohl gerade ca. 5 Leute gleichzeitig duschten. Geschlechtertrennung gab es hier, wie in den meisten Herbergen, nicht. Man gewöhnt sich an alles. Woran ich mich aber nie gewöhnen werde, ist das Abtrocknen mit diesem dünnen mikrofaser Handtuch. Man hat einfach mal das Gefühl, sich mit einem riesigen Brillenputztuch abzutrocknen, aber man wird einfach nicht trocken. Selbes gilt für die Haare. Meine Haare leiden hier echt. Das ist aber vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass ich alle möglichen Pflegeprodukte aus Gewichtsgründen aus dem Rucksack verbannt habe. (Und dafür 3 Millionen Müsliriegel eingepackt habe.)

Das Wetter war inzwischen wieder schön sonnig, sodass ich mich nach der Dusche mit einem Tee zu den anderen nach draußen setzte. Der Malle-Tourist saß an einem Tisch und schmollte.
Plötzlich tauchte ein Mann mit einem Schaf auf. Natürlich rannten alle sofort zu dem Schaf. Es verhielt sich wie ein Hund und wich dem Mann nicht von der Seite. Das Schaf hieß Bebi. Und der Mann war einer der noch verbliebenen Brüder, der hier im Kloster wohnte. Er war außerdem auch die Person, die uns um 18 Uhr zur Führung durch das Kloster mitnahm.

Die Führung begann in der Kirche. Englisch sprach der Mönch nicht, daher war alles auf Spanisch. Da er relativ langsam sprach, konnte ich ihn sogar verstehen. Es gab aber auch eine deutsche Pilgerin, die seine Erläuterungen sowohl auf Englisch und auf Deutsch übersetzte.

Er erklärte uns, wie wir uns später während der Pilgermesse verhalten sollten. Speziell während des Abendmahls. Da auch Bürger aus dem Ort dort seien würden, war es ihm sehr wichtig, dass sich die Pilger gut verhielten. Im Anschluss an die Messe würden wir sogar alle eine Urkunde erhalten.

Bei dem Kloster handelte es sich übrigens nicht wirklich um ein klassisches Kloster, sondern um ein Konvent, also eine Niederlassung einer Ordensgemeinschaft. Diese Ordensgemeinschaft gehört den Franziskanern an. Derzeit leben noch fünf Brüder dort. Die Führung war sehr interessant. Der Mönch erzählte uns, dass dort, wo wir schliefen ein Friedhof war. Na super, mit sowas ist er bei mir ja an der richtigen Adresse.
Die ganze Anlage war riesengroß. Kaum zu glauben, dass dort nur fünf Personen lebten. Im Außenbereich gab es noch einen Brunnen mit heiligem Wasser. Der Legende nach, sollte man sich dieses Wasser abfüllen, und seinem Schwarm geben, um ihn in sich verliebt zu machen.
Generell lebten hier sehr viele Schafe, die wohl für’s Rasenmähen zuständig waren.

Nach der Führung ging es direkt zur Pilgermesse. Die Kirche war relativ gut gefüllt. Die Messe war sehr schön und ergreifend. Der Priester betete gemeinsam mit der Gemeinde für uns und segnete uns. Nach der Messe sollten wir uns vor dem Altar versammeln. Da bekamen wir unsere Zertifikate. Auf den Zertifikaten war ein Spruch. Alle in der Runde vertretenen Nationen sollten den Spruch in ihrer Sprache nacheinander laut vorlesen. Das war für mich tatsächlich bisher der ergreifendste Moment auf dem ganzen Camino. Viele kämpften mit den Tränen und so ging es auch mir. Nachdem der Spruch in jeder Sprache vorgelesen war, gab der Mönch jedem sein Zertifikat und umarmte jeden und sprach dabei: Buen Camino.

Dieses Buen Camino, war nicht ausschließlich für den restlichen Jakobsweg gemeint. Sondern für unseren weiteren Weg im Leben. Zur kurzen Einordnung: Herbon liegt nahe an Santiago, das heißt, dass am nächsten Tag der Großteil der Pilger das Ziel erreichen würde. Heute war also für viele der letzte Tag auf dem Camino und das ruft natürlich allerlei Emotionen hervor. Aber diese Segnung heute, so hatte ich das Gefühl holte uns kurz auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn diesen Jakobsweg-Spirit sollten wir weitertragen und mit nach Hause nehmen.
Kleiner Einschub: Wir hatten übrigens beschlossen, am morgigen Tag noch nicht nach Santiago zu gehen. Wir werden einen Zwischenstopp in einem Vorort einlegen, um dann voller Energie und Kraft das Ziel zu erreichen.

Nach der Messe, die mich tatsächlich total beseelt hatte, gab es (endlich) Abendessen. Aber erst musste noch der Tisch gedeckt werden. Alle halfen mit und verteilten Teller, Besteck und Gläser auf zwei Tischen. Danach nahmen wir Platz. Jetzt ratet mal, wer sich den freien Platz neben mir ausgesucht hat. Genau, der Malle-Tourist. Bevor wir begannen zu essen, wünschte sich eine deutsche Pilgerin, dass wir gemeinsam ein Lied singen würden. Kaum dass jemand antworten konnte, fing sie auch schon an, zu singen. Alle am Tisch, die kein deutsch verstanden, schauten etwas verduzt. Ich kannte das Lied nicht, saß also nur da und versuchte möglichst normal zu gucken. Dann entwickelte sich ein Kanon und Tisch 2 stieg mit dem Singen ein. Woher kannten sie dieses Lied?
Als alle fertig gesungen hatten, erhoben wir unsere mit Rotwein gefüllten Gläser und dankten den Mönchen für dieses Essen. Und dann ging es auch endlich los. Zu Essen gab es einen Salat und anschließend eine Suppe. Beim Blick auf den Tisch war mir sofort klar: Das reicht niemals für 27 Personen. Das hatte wohl auch schon der Malle-Tourist bemerkt und nuschelte: “Wenn ich schon nichts zu Essen bekomme, dann trinke ich wenigstens Wein.” Und füllte sich sein Glas auf. Meine Hoffnung lag noch auf der Suppe. Doch auch als diese verteilt wurde, merkten alle schnell: Satt würde hier heute keiner werden. Die Suppe bestand aus Brühe, Bohnen und irgendwelchen gummiartigen, geschmacklosen Kugeln.
Für rund 15 Personen gab es dann noch Nachtisch. Es muss sich wohl um eingelegte Graupen gehandelt haben. Ich habe dankend abgelehnt und beim Abwasch geholfen, auch um dem Malle-Touristen zu entfliehen.

Im Nachhinein bin ich mir nicht ganz sicher, ob einfach nicht genug gekocht wurde oder ob das Absicht war. Schließlich lebten Pilger früher von der Hand in den Mund und demnach konnten wir froh sein, überhaupt etwas zu Essen bekommen zu haben.

Nach dem Essen war Bettruhe angesagt und so stand ich mit ca. 10 weiteren Personen vor einem Waschbecken, um mir die Zähne zu putzen. In meinem Bett fühlte ich mich relativ unbehaglich. Die ganze Nacht über schlief ich sehr schlecht. Ich wachte oft auf mit dem Gedanken: “Oh nein, mein Rucksack liegt auf dem Boden, ich muss ihn wegräumen, damit keine Tiere reinkrabbeln.” Ralphy bewegte sich außerdem im oberen Bett so stark hin und her, dass ich zeitweise dachte, das Bett würde auf mich herabfallen. Auch sein Schnarchen nervte mich ziemlich.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.