Camino Portugues,  Jakobsweg Blog

Etappe 8: Der Tiefpunkt und eine Menge Verirrungen

Der Morgen begann genau so, wie der vorherige Tag endete. Meine Laune war im Keller. Warum? Das wusste ich auch nicht.

Aber liebe Leser ich sage euch, dass ihr nicht ahnen werdet, was an diesem Tag alles passieren wird! Hier einige Möglichkeiten:
Ereignis A: Ralph und ich irren herum und sitzen schließlich in einem Zug
Ereignis B: Wir stehen plötzlich vor einer Autobahn und ein netter Spanier bringt uns mit dem Auto in die nächste Stadt
Ereignis C: Nach einer Aneinanderreihung von äußerst glücklichen Umständen sehen wir heute Nici und Sabina wieder

Welches Ereignis wird wohl eintreten? Fest steht, bevor eines davon passiert, starte ich relativ schlecht in den Tag. Denn: Als ich meine gewaschene Kleidung anziehen wollte, stellte ich fest, dass alles noch feucht war. Und manches nicht nur feucht, sondern richtig nass. Aber da musste ich dann wohl durch. Heute gab es nämlich keine elektronische Heizung, die ich zum cheaten benutzen konnte. Also ziehe ich meine nasse Unterwäsche an, meine nasse Hose und mein nasses T-Shirt. Zum Glück hatte ich meine Fleecejacke nicht gewaschen, da ich mich im Bett mit ihr zugedeckt hatte. So hatte ich wenigstens ein trockenes Kleidungsstück. Die restlichen Sachen befestigte ich mit Sicherheitsnadeln an meinem Rucksack, damit sie tagsüber trocknen konnten. Das waren zum Beispiel ein Oberteil, meine Socken und meine Unterwäsche. Treue Leser erinnern sich, dass mir am ersten Tag noch etwas unbehagen bei dem Gedanken war, dass meine Unterwäsche für jeden sichtbar an der Wäscheleine hin. Und heute dagegen würde ich sie den ganzen Tag an meinem Rucksack herumtragen. Das war mir tatsächlich einfach egal. Ich verschwendete keinen Gedanken daran. Es waren auch keine Gedanken dafür übrig, weil ich immernoch schlecht gelaunt war und mein Kopf anscheinend seit gestern Abend nur über negative Erlebnisse nachdenken wollte.
Ralphy schien noch zu schlafen und so ging ich in das Hotel-Restaurant und bestellte einen Kaffee und ein Käse-Sandwich zum Mitnehmen, da ich immer noch keinen Hunger hatte.

Rucksack Rendezvous im Restaurant


Auf der Hälfte des Kaffees kam Ralphy ins Restaurant und bestellte sich ebenfalls ein Käse-Sandwich. Nur wollte er es unbedingt vor Ort essen. Im Normalfall wäre mir das egal gewesen, aber heute … Ich sagte ihm er solle sich beeilen weil ich ansonsten einfach vorgehen würde. Da merkte er schnell, dass meine Laune nicht besser war und er beeilte sich. Wir gingen also los. Zum Glück waren wir direkt am Camino gelegen und konnten also sofort wieder durchstarten. Durchstarten ist das richtige Wort… Denn ich war ziemlich flott unterwegs. Immer einige Meter vor Ralphy. Es schien, als würde ich meinem Kopf davongehen wollen, was natürlich nicht funktionierte.

Mit meiner Sandwich-Tüte unterm Arm quälte ich mich auch heute steile Berge hinauf. Teilweise war es sogar so steil, dass man beim Gehen die Hand ausstrecken und den Boden berühren konnte. Irgendwie reichte es mir langsam mit meiner Laune und da fiel mir ein, dass ich mir Hörbuch heruntergeladen hatte. Unter anderem ging es darum, tief liegende Ängste zu erkennen und aufzulösen. Also rein damit in die Ohren. Es zeigte tatsächlich Wirkung und ich wurde mir über vieles klarer. Ich dachte, ob wohl heute der Tag sei, an dem ich weinen würde. Aber es passierte nichts. Nach einiger Zeit passierten wir einen Garten, in dem lustige angry birds Figuren hingen. Ich musste lachen und hatte promt Lust, mein Sandwich zu essen. Es waren bestimmt 1 oder 2 Stunden vergangen und die Energie brauchte ich dringend. Das Sandwich war nicht mehr warm, aber ich biss genüsslich rein …. und dann …. oh mein Gott…. IST DAS LECKER!!!! Das war kein normaler, langweiliger Käse. DAS WAR PARMESAM! Ich freute mich so sehr darüber und verschlang es regelrecht.

Danach entschuldigte ich mich bei Ralphy, dass ich so ruppig zu ihm war. Er hatte Verständnis und wir sprachen über meine Probleme. Das half mir sehr. Meine Stimmung besserte sich auch. Bald würden wir die Stadt Vigo erreichen. Vorher mussten wir aber noch einen Anstieg meistern. Man kann manchmal schon ein wenig sauer auf den Camino werden. Da gibt es zwei Wege, einer führt bergauf und ein anderer führt in eine Straße ohne Anstieg. In welche Richtung zeigt jetzt wohl der gelbe Pfeil? Richtig: Immer nach oben. Aber noch etwas konnte der Camino gut: Für den Anstieg mit einer wunderschönen Aussicht belohnen.

Wunderschön oder?

Nach dem Anstieg ging es durch einen Wald. Es gab Wasserfälle, Teiche und ganz viele verschiedene Gerüche. Ich schaute viel nach oben und ging mit geschlossenen Augen, um diesen Geruch möglichst lange zu behalten. Einge Male stolperte ich. Zum Glück war Ralphy hinter mir. Er ermahnte mich und meinte, ich solle vorsichtiger sein. Nicht, dass ich mir noch den Fuß verknackse.


Schließlich erreichten wir einen Vorort von Vigo. Man merkte sofort, dass wir uns einer Großstadt näherten. Es war dreckig, grau und laut. Schnell steuerten wir das erste Café weit und breit an. Ich bestellte einen Kaffee und nahm im Wintergarten platz. Ralphy, der immer versuchte, mit seinem Spanisch anzugeben, bestellte auf Spanisch einen Kaffee und kam auch in den Wintergarten. Außer uns waren dort hauptsächlich spanische alte Männer, die rauchten und Bier tranken. Da kam auch schon die Bedienung und servierte mir einen Kaffee und für Ralphy hatte sie ein Bier und Nüsse dabei. Hahahah ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr ich lachen musste. Wir hatten es gerade mal 10 oder 11 Uhr vormittags und ich war mir sicher, dass Ralphy besser kein Bier auf leeren Magen trinken sollte. Der wurde nämlich schon immer relativ schnell vom Saft (Sangria) betrunken. Er nahm also das Bier und klärte das Missverständnis auf. Unsere Pausen verbrachten wir, wie immer, sehr routiniert. Handys werden geladen, die noch verbleibende Gehzeit wird kurz gecheckt und die Adresse der Herberge wird gesucht. Und was entdecke ich da: In Vigo gibt es keine Herberge. Viele Pilger berichten im Internet außerdem, dass man Vigo besser mit dem Bus durchqueren sollte. Ich verpacke noch meine getrocknete Unterwäsche im Rucksack. Als wir gerade das Café verlassen wollen, kommt ein Hund hereingelaufen, der sofort auch mich zurannte. Ich streichelte ihn ausgiebig und konnte mich nur schwer losreißen. Ich liebe Hunde sehr und wünsche mir einen eigenen. Da dachte ich wieder an den schönen Hund, den ich beim Mittagessen vor zwei Tagen gesehen hatte.


Mit gemischten Gefühlen in Bezug auf die Stadt Vigo gingen wir weiter. Am Straßenrand kaufte ich mir noch zwei Mandarinen. Ich muss sagen, Vigo hält, was es verspricht. Ich fühlte mich fast wie in New York. Nach ein paar Metern folgten immer wieder Straßenkreuzungen und Ampeln. Ralphy meckerte schon, weil ich natürlich (typisch deutsch) an den roten Ampeln wartete, an denen er einfach die Straße überquerte. Er konnte nicht glauben, dass das in Deutschland verboten ist und sogar mit Bußgeld bestraft wird. Wir machten uns einen Spaß draus und er “trainierte” mich im “bei rot über die Ampel gehen”. Nach einiger Zeit im Tumult verging uns aber der Spaß. Auf einem offiziellen Weg waren wir schon lange nicht mehr. Da tauchte ein großes goldenes M auf und wir kehrten für unser Mittagessen bei Mäcces ein.

Während des Essens sahen wir den Schotten, der mit uns im Taxi Boat saß. Er hatte sich wohl auch verlaufen und nutzte das freie WLAN, um die Route zu suchen. Dank einer kurzen Google Recherche fand Ralphy heraus, dass es in der Nähe einen Bahnhof gab, von wo wir eine Station mit dem Zug aus Vigo heraus fahren konnten. Wir entschlossen uns, dies zu tun, denn in dieser Stadt gab es keine Herberge. Die Hotelpreise waren auch sehr hoch und besonders attraktiv war die Stadt auch nicht. Also ging es los. Ab zum Bahnhof. Dort angekommen, sagte man uns, dass wir am falschen Bahnhof seien. Na super. Also weiter zum nächsten Bahnhof. Wahrscheinlich hätten wir in dieser Zeit auch einfach den Camino weitergehen können. Somit tritt also Ereignis A ein. Wir sitzen im Zug. Und prompt fängt es an, zu regnen. Glück gehabt! Regen war uns tatsächlich bisher erspart geblieben. Und besonders große Lust hatte ich auf meinen Regenponcho auch nicht. Ralphy hatte weder Regencase für den Rucksack, noch Regenponcho.

Ich checkte mein Handy, um Nici zu fragen, wo die beiden Mädels heute waren. Sie waren bereits in der Herberge in Arcade. Da es Sabina schlecht ging, konnten sie nicht viel laufen. Ich suchte den Ort auf der Karte und entdeckte ihn nur 6 km von unserem Zielbahnhof entfernt. Sollte das denn wahr sein?? Sofort flehte ich Ralphy an, noch weiterzugehen. Am Ziel, in Redondela angekommen, bestellten wir uns Kaffee und eine Portion Churros in einem netten Cafe an einem kleinen Fluss. Wir waren sehr müde und erschöpft, aber auch Ralphy wollte Nici und Sabina gerne wiedersehen. Ich verkündete Nici also, dass wir uns auf den Weg machen würden und auch sie war voller Freude. Sie reservierte uns sogar noch zwei Betten in der Herberge. Es waren nur knapp 6 Kilometer. Das motivierte, trotz bergauf. Und abgesehen davon, befanden wir uns nun sogar auf dem zentralen Weg. In Redondela trifft nämlich der Küstenweg auf den zentralen Weg.


Gut gelaunt und ohne Regen machten wir uns auf den Weg. In einem Supermarkt unterwegs kauften wir uns noch einen Kinder-Bueno und eine Fanta. Es geht doch nichts über eine ausgewogene Ernährung. So gingen wir munter vor uns hin. Schon länger haben wir keine gelben Pfeile mehr gesehen und da mündete die Straße plötzlich direkt in einer Autobahn. Einen Weg zurück oder drumherum gab es nicht. Da sieht also ganz nach Ereignis B aus. Zu unserem Glück war direkt an der Autobahn eine Werkstatt. Wir gingen dorthin und die Mitarbeiter sagten uns, dass wir uns (mal wieder) verlaufen hatten. Vom “echten” Jakobsweg haben wir heute aufgrund unserer Verirrungen nicht viel gesehen. Der Chef der Werkstatt erzählt uns, dass hier mehrere Pilger stranden würden und dass es sehr gefährlich sei, über die Autobahn zu gehen. Tatsächlich sind hier schon Pilger ums Leben gekommen. Ein Mitarbeiter der Werkstatt war so nett, uns über die Autobahn bis zur ersten Ausfahrt zu fahren. Wir wollten ihm dafür Geld geben, aber er wollte es nicht annehemen.

Er lässt uns an der Stadtgrenze zu Arcade raus und wir setzen den Weg fort. Nur noch ca. 2 Kilometer und wir haben es endlich geschafft. Durch unsere Verirrungen haben wir sogar den Kilometerstein mit den 100 Kilometern verpasst! Nicht mehr lange und wir sind in Santiago. Für die letzten Kilometer schmeiße ich noch meine Camino-Playlist an. Wir betreten Arcade, eine wunderschöne alte Stadt. Meine Camino-App, die immer meinen Standort mittrackt, begrüßt mich mit den Worten: “Herzlich Willkommen in der Stadt der Brücken!”. Zeitgleich wird ein neues Lied aus meiner Playlist abgespielt: Über sieben Brücken musst du gehen … kein Witz! Das erste Mal, dass ich das Lied auf dem Camino höre und dann auch noch so ein Zufall.

Wir erreichen die Herberge, die erst drei Wochen zuvor fertiggestellt wurde. Das ist mal eine willkommene Abwechslung zu den älteren Herbergen. Wir bekommen sogar einen richtigen Bezug für das Kopfkissen und ein Laken. Während unseres Check-Ins werden wir schon bemerkt und Nici kommt auf uns zugerannt. Die Wiedersehensfreude ist groß und ich bin einfach nur noch glücklich! Ereignis C tritt also auch ein! Nici nimmt uns mit und zeigt uns unsere Betten. In diesem Raum stehen ca. 20 Hochbetten und bis auf zwei sind alle belegt. Sabina liegt in ihrem Bett. Sie sieht sehr erschöpft aus. Sie hatte ein Problem mit ihrem Fuß und konnte deshalb heute nicht schmerzfrei gehen. Aber auch sie ist sehr froh, uns wiederzusehen. Sie hilft Ralphy dabei, sein Bett zu beziehen und Nici und ich haben eine Menge Spaß dabei, ihnen zuzusehen. Wir bekommen schon Bauchschmerzen vor Lachen, da kommt ein deutscher Pilger auf uns zu und fragt, wie lange wir alle uns schon kennen würden, wir hätten ja wohl eine super Zeit zusammen. Stimmt!


Nach dem Lachanfall gehen wir noch in das Restaurant, was zur Herberge gehört und essen ein köstliches Pilgermenü.
Als ich im Bett lag, dachte ich daran, wie viele verschiedene Emotionen ich heute erlebt hatte. Wie der Tag begann und wie er ausging. Ich könnte glücklicher nicht sein. Damit ich gut schlafen kann, verwende ich mal wieder meine Ohropax, denn es sind ca. 40 Personen in diesem Raum und mein Bett steht an der Tür zum Herrenklo. Naja und abgesehen davon schnarcht Ralphy im Bett neben mir bereits. Gute Nacht!

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