Camino Portugues,  Jakobsweg Blog

Etappe 7: Das Hotelzimmer

Meine Nacht endete irgendwie viel zu schnell. Vielleicht sollte ich den Sangria am Abend weglassen. Wobei ich Sangria eigentlich nur “Saft” nenne. Das hatten meine Schwester und ich im letzten Spanienurlaub beschlossen. Also vielleicht sollte ich den abendlichen “Saft” weglassen…
Ich wurde um 7 Uhr von Alices Wecker geweckt. Sie ist, genau wie ich, eine leidenschaftliche Nutzerin der Schlummer-Taste. Nach einiger Zeit quälten wir uns aus dem Bett. Da das gesamte Apartment nicht wirklich sauber war, fand ich es etwas unangenehm in dem Bett zu schlafen. Mich juckte es die ganze Nacht über. Alice machte sich auf einmal sehr schnell fertig, setzte ihren Rucksack auf und fragte uns, ob es okay sei, wenn sie schon vorgehen würde. Wir sagten “na klar!”, schließlich sind wir hier ja keine Reisegruppe, sondern jeder ist auf seinem ganz eigenen Weg unterwegs. Wir würden Sie sicherlich in der Herberge in der Stadt “A Ramallosa” wiedersehen. Alice ging also vor und wir warteten noch einige Minuten, um sie ein wenig gehen zu lassen. Sicherlich wollte sie gerne alleine sein und das respektierten wir natürlich. Wir hatten schon am vorherigen Tag das Gefühl, dass sie gerne alleine gehen wollte und das ist auch völlig okay. Ralph und ich starteten unseren Tag dann auch. Heute standen bloß lockere 16 Kilometer auf dem Plan. Wir nannten es scherzhaft einen rest-day.
Als wir losgingen entdeckten wir vor der Tür einen Obstkorb. Unser Hospitalero hatte diesen Korb herausgestellt. Dort konnte man sich Obst nehmen und im Gegenzug eine Spende leisten. Wirklich nett der Mann. Ralph fertigte für ihn einen Google Standort an, damit auch andere Pilger diese Unterkunft über die Google-Suche finden konnten.


Der Weg begann wieder an einer Schnellstraße. Morgens war hier aber noch nicht viel los. Es war schon zur Gewohnheit geworden, dass wir nach dem Start nach der ersten Kaffee-Möglichkeit Ausschau hielten. Die kam auch relativ schnell in Form eines Camping-Platzes. Dort trafen wir auf einen Mönch, der auch den Jakobsweg ging. Dem Outfit nach zu urteilen müsste es ein Franziskaner gewesen sein. Nach dem Kaffee ging es dann richtig los. Auch heute mussten wir einen Berg überqueren. Das Wetter war heute, genau wie gestern, sehr warm. Wir quälten uns also mal wieder hoch, aber der Ausblick von oben war wie immer unbezahlbar. Dieser gehört auf jedenfall zu meinen Top 5 Ausblicken auf dem Jakobsweg. Was mir so gefällt am Jakobsweg ist, dass man eigentlich mit jeder Person, die einen Rucksack trägt in Kontakt kommt. Ich traf nämlich eine Frau, die mit ihrer 70-Jährigen Mutter den Weg pilgerte. Und ich muss sagen, die Mutter war wirklich flott unterwegs und man hat es ihr keinesfalls angesehen, dass sie bereits 70 Jahre alt war.

Wir überquerten den Berg und auch heute unterhielt ich mich wieder sehr intensiv mit Ralph. Oder Ralphy, wie ich ihn ab sofort nannte. Über so viele intime und private Dinge hatte ich so schnell noch mit niemandem geredet. Aber mich interessierte seine Meinung zu vielen Dingen und fühlte mich bei ihm sehr verstanden. Dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Schnell wurde uns klar, dass wir gegenseitig sehr wichtig für einander geworden waren. Ich genoss diese Gespräche sehr. Und tatsächlich regten mich seine Nachfragen zum Nachdenken an. Nachdem wir den Berg überquert hatten, erreichten wir eine sehr schöne Stadt namens Baiona. Hier würde ich auf jedenfall mal einen Urlaub planen. Wir stoppten für einen Kaffee und einen kleinen Snack an einem Marktplatz, auf dem eine süße Kirche stand. Dort fand gerade ein Gottesdienst statt und ich verfolgte den Rest des Gottesdienstes, da die Türen der Kirche geöffnet waren. Der Weg nach A Ramallosa war nicht mehr lang und wir beschlossen, dass wir dort ein Mittagessen zu uns nehmen wollten. Unterwegs lag ich Ralphy einige Zeit in den Ohren, da ich Nici und Sabina bereits vermisste. Wir überlegten uns verschiedene Szenarien, wie wir die beiden in Santiago noch wiedersehen könnten.

In unserer heutigen Zielstadt angekommen begegnete uns etwas, das wir aus Portugal nicht kannten… Die spanische Siesta. Jedes Restaurant und jeder Supermarkt, an denen wir vorbei kamen hatte geschlossen. Wir mussten aber aufgrund akuten Hungers vor dem Einchecken in der Herberge etwas essen. Da tauchte ein geöffnetes Restaurant auf und schnell belegten wir den letzten freien Platz. Wir wählten ein Menü, bestehend aus aus Vorspeise und Hauptspeise, aus. Das Essen schmeckte wirklich herrlich und war eine willkommene Abwechslung zu den bisherigen Fleischgerichten. Nach dem Essen suchten wir auf Google nach der Herberge und fanden heraus, dass es dort kürzlich Bettwanzen gab. Das wollten wir uns natürlich nicht antun und überlegten, was wir tun sollten. Da Ralphy wusste, wie sehr ich Nici und Sabina vermisste schlug er vor, heute noch einige Kilometer weiterzugehen. Nici uns Sabina würden nämlich einen Tag vor uns, am Freitag in Santiago ankommen und mussten am Samstag bereits wieder abreisen. Da der Küstenweg länger war, als der traditionelle Weg, würden wir am Samstag in Santiago ankommen und die beiden nicht mehr treffen können. Ich ging also sofort auf seinen Vorschlag ein und stimmte dem Weitergehen zu. Und irgendwie fand ich es auch merkwürdig, unter 20 km zu gehen. Ich war so an das Gehen gewöhnt, das auch mein Körper weitergehen wollte. Ralphy suchte eine Stadt entlang des Weges heraus und wir starteten in Richtung “Nigran”. Dort gab es zwar nur ein Hotel und keine Herberge, doch der Gedanke an ein Hotelbett war jetzt nicht so übel. Wir setzten den Weg also gut gelaunt fort und hörten unsere Camino-Playlists.

Schließlich kamen wir am Hotel an. Es war sogar nicht allzu weit vom Meer entfernt. Ein Zimmer kostete 35€. Das war schon einiges mehr, als ich sonst für meine Unterkunft bezahlte, aber vollkommen angemessen für das Zimmer. Beim Warten auf den Check-In dachten wir an Alice, die wir nun wohl nicht mehr sehen würden. Da sie auf einer Social-Media Diät war und jegliche Apps auf ihrem Handy deaktiviert hatte, konnten wir sie auch nicht kontaktieren. Sie hatte aber unsere Kontaktdaten und hätte uns also kontaktieren können, wenn sie es gewollt hätte. Als wir auf unsere Schlüssel warteten ging die Tür auf und eine junge Frau kam herein und fragte ebenfalls nach einem Zimmer. Wir kamen direkt mit ihr ins Gepspräch. Lustigerweise kam sie ebenfalls aus Mailiand, genau wie Alice. Wir scherzten kurz, dass sie jetzt die Alice Nachfolgerin war.

Eine Mitarbeiterin des Hotels führt uns zu unseren Zimmern. Mein Zimmer war wirklich toll und das Bett sah unglaublich bequem aus! Ralphys Zimmer war komplett in pink gehalten. Sehr süß. Er hatte in Portugal zum ersten Mal ein Bidet gesehen und war schließlich völlig fasziniert davon. Dementsprechend groß war seine Freude, als er das Bidet in seinem Badezimmer entdeckte. Er machte sich dann noch einen Spaß daraus und fragte die Mitarbeiterin, wie man es benutzen würde. Die arme Frau gab sich aber größte Mühe dabei, ihm zu erklären, was man darin waschen konnte. Ich musste mich währenddessen gackernd in mein Zimmer zurückziehen, weil die Situation sehr witzig war. Vielleicht war mein Kopf aber auch mal wieder zu lange in der Sonne.


Nachdem ich mich für eine Weile über mein Hotelbett freute, beschloss ich, meine gesamte Kleidung im Waschbecken zu waschen. Es gab nicht wirklich viele Aufhängemöglichkeiten, daher verteilte ich die nassen Sachen im kompletten Zimmer. Danach machte ich mich mit Ralphy auf den Weg zum Strand. Dort angekommen legte ich mich sofort in den Sand und genoss das Gefühl sehr. Beim entspannten im Sand liegen führten wir mal wieder ein sehr interessantes Gespräch. Ralphy fragte mich, was ich tun würde, beruflich wie privat, wenn Geld in meinem Leben keine Rolle spielen würde. Eine interessante Frage, denn ich glaube, dass man nur so herausfindet, was man im Leben eigentlich machen möchte. Ich weiß nicht warum, aber nach einiger Zeit am Strand änderte sich meine Stimmung. Ich wurde plötzlich ganz ruhig und nachdenklich. Unzählige Gedanken kamen mir in den Kopf und alle schrien nach Beachtung. Das überforderte mich doch ein wenig und ich wollte nur noch alleine sein. Als wir zurückkehrten legte ich mich in mein Bett und da ich weder Essen noch Trinken wollte, zwang mich Ralph, erst einmal einen halben Liter Wasser zu trinken. Viel besser ging es mir danach nicht und ich sagte ihm, dass ich einfach meine Ruhe haben wollte. Auch auf ein Abendessen verzichtete ich und schlief einfach in dem maximal bequemen Bett ein. Mal sehen, wie der Tag morgen werden würde.

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