Camino Portugues,  Jakobsweg Blog

Etappe 3: Erstes Pilgerfeeling und noch mehr Schmerz

Ich hatte mein Halstuch als Schlafmaske verwendet und konnte so mit einem Auge verfolgen, dass Ralph gegen 1 Uhr nachts in den Schlafsaal kam. Ich wurde nämlich sofort wach und beobachtete, was er machte. Er lag ziemlich lange wach herum und hat irgendwas mit seinem Handy gemacht. Als ich mir sicher war, dass er keine Bedrohung darstellte, schlief ich wieder ein. Wie immer ging mein Wecker um 6 Uhr. Anziehen musste ich mich nicht, da ich bereits in meinen Wandersachen für den Tag geschlafen hatte. Dank einer zusätzlichen Wolldecke war mir nachts auch nicht kalt.

Am Tag vorher hatte ich mir sogar noch ein Frühstück im Supermarkt gekauft. Es war Porridge mit Zimtgeschmack. Ich beschloss nämlich, dass mein Körper ein vernünftiges Frühstück brauchte. Die letzten Tage fühlte ich mich morgens zu energielos. Ich kochte also heißes Wasser und schaufelte den Matsch in mich hinein. Denn ich hatte sogar Hunger. Zu Hause frühstückte ich nie. Hier ist also bereits eine Sache, die sich geändert hat. Kaffee gab es übrigens nicht. Nach dem Frühstück wurde wieder der Rucksack gepackt. Diesmal habe ich einfach alles reingeworfen ohne System. Alice und Ralph habe ich noch einen Buen Camino gewünscht und los ging es. Wie immer: Zurück zum Meer. Povoa ist wirklich ein nettes Örtchen. Heute hatte ich bereits im Reiseführer gelesen, was mich erwarten würde. Die ersten Kilometer geht es am Strand entlang, ehe man ins Landesinnere läuft, an Gemüseplantagen vorbei, durch kleine Örtchen in Richtung der Stadt Fao. Von Fao geht es dann nach Esposende und von dort nach Marinhas, was mein heutiges Ziel sein sollte. Insgesamt hatte ich 24 km zu gehen.

Die ersten Kilometer waren okay, auch wenn ich meine Hüfte schon gemerkt habe. Ich habe öfter Pausen gemacht und mich gedehnt. Nach jedem Aufstehen, war es aber immer wieder erst richtig schlimm, ehe es sich dann nach ein paar Minuten besserte. Auf meinem Weg war ich gänzlich alleine. Andere Pilger habe ich nicht gesehen. Irgendwie komisch, wenn man bedenkt, dass immer so viele Pilger in den Herbergen sind, man aber selten jemanden unterwegs sieht. Trotz der Schmerzen konnte ich diesmal die schöne Aussicht auf das Meer genießen. Der Weg am Meer verlief, wie auch schon die letzten Tage, größtenteils auf Holzstegen entlang. Vielleicht war der Untergrund auch für meine Schmerzen verantwortlich.

Nach einiger Zeit kam ich am Ende des Meer-Weges an und ging über einen Parkplatz, der mich zu der Straße mit den Gemüseplantagen führte. Der erste Schock kam, als einige LKWs an mir vorbeirauschten. Idyllisch war das hier nicht. Auch meine Schmerzen wurden schlimmer. Die Aussicht auf die Gemüseplantagen war nicht gerade schön. Auf einigen Plantagen arbeiteten alte Frauen mit Hüten. Aber sonst war auch hier niemand zu sehen. Hin und wieder ein vorbeirasendes Auto. Ich vermisste direkt die Küste. Die Luft war auf der Straße nicht sehr angenehm. Manche Gewächshäuser strahlten Wärme ab und der schöne Wind an der Küste war auch nicht da. Dadurch fühlte es sich fast 10 Grad wärmer an. Meine Fleecejacke hatte ich schon ausgezogen, aber ich trug noch eine lange Hose und es wurde immer wärmer. Der Weg an der Straße wollte einfach nicht enden. Dieses Stück zog sich so sehr. Und natürlich erwartete ich nicht, hier ein Café für Kaffee und Pipi zu finden.

Der Weg führte in ein kleines Waldstück. Am Anfang des Weges sah ich schon aus der Ferne eine kleine Steinkolonie (keine Ahnung, ob das so heißt, ich habe es einfach immer so genannt). Das sind die aufeinandergestapelten Steine von Pilgern. Auch ich suchte mir einen Stein und legte ihn vorsichtig auf die anderen. Auch andere Steine wurden dort abgelegt. Manche waren sehr schön bemalt, mit Namen oder Daten versehen. Ich fragte mich, aus welchem Grund die Steine wohl dort hingelegt wurden und wurde ein wenig melancholisch. Jetzt hatte ich zum ersten Mal ein richtiges Pilgergefühl und ich fühlte mich damit sehr glücklich.

Kurz danach meldete sich allerdings meine Blase und ich witterte meine Chance. Weit und breit niemand zu sehen, also setzte ich den Rucksack ab und huschte ins Gebüsch … Schnell schnappte ich mir den Rucksack und ging weiter. Eine Minute später hörte ich jemanden hinter mir meinen Namen rufen! Es waren die beiden Facebook-Mädels. Wie schnell sind die denn hierhergekommen? Ich blieb stehen und wartete auf sie. Sie waren gerade erst gestartet, übernachtet hatten sie nämlich auf einem Campingplatz, der ein paar Meter entfernt lag. Bis dahin hätte ich es gestern niemals geschafft. Ich ging mit den beiden weiter. Der Weg führte durch einen Eukalyptus-Wald. Es roch herrlich.

Meine App sagte mir, dass wir bald ein Dorf erreichen würden. Da wollte ich Ausschau nach Kaffee halten und meine lange Hose gegen eine kurze Hose tauschen. Es stellte sich heraus, dass das Dorf nur eine Kirche hatte. Die beiden Mädels gingen weiter und ich suchte die Kirchentoilette, um mich umzuziehen. Danach machte ich noch eine Pause vor der Kirche und aß Obst.

Allzu weit war es nicht mehr bis nach Fao. Da wollte ich dann endlich einen Kaffee trinken. Der Weg führte durch das Dörfchen und weitere Wälder, bis ich ein geöffnetes Café sah. Drinnen saß nur ein Mann, der Bier trank, aber da ich absolut nicht mehr gehen konnte dank meiner Hüfte, war mir egal, welchen Eindruck das „Café“ (Es war eher eine Kneipe) machte. Aber: Urteile nicht zu schnell! Denn im Nachhinein betrachtet, war dieses Café eines der schönsten, das ich je auf dem Jakobsweg besucht hatte. Ich bestellte einen großen Kaffee und ein Wasser. Aus dem Milchschaum auf meinem Kaffee hatte der Wirt einen Jakobsweg-Pfeil gemacht und die Tasse so platziert, dass der Pfeil mir die Richtung auf den Weg zeigte. Einen Zettel mit dem WLAN-Passwort gab er mir auch ungefragt. Aber das Beste: Er gab mir noch einen kleinen blauen Stein mit dem Wort Fao darauf. Eine Zeit lang habe ich mir den Stein angesehen und überlegt, ob ich ihn vielleicht bei einer Steinkolonie am Weg ablegen werde. Einen Stempel in meinen Pilgerpass bekam ich auch. Er hat sogar eine Serviette zwischen die Seiten gelegt, damit der Stempel nicht abfärbt. Wie respektvoll er damit umging, beschert mir heute noch Gänsehaut.

Gestärkt durch den Kaffee humpelte ich hinaus. Nach einiger Zeit musste ich eine Auto-Brücke überqueren. Die Aussicht war wunderschön, aber es war so unglaublich windig und dadurch kalt, dass ich mich trotz Schmerzen schnell darüber gequält habe. Danach ging es einige Kilometer an einer Autobahn ähnlichen Straße entlang, bis ich in Esposende ankam, wo ich mich direkt verlaufen hatte. Irgendwie hatte ich einen Pfeil übersehen und war mitten in der Stadt, die aber auch sehr schön war.

Als ich das Meer wieder auf meiner linken Seite hatte, nahm ich sofort die Palmen wahr, die entlang des Weges standen. Das erinnerte mich an den spanischen Urlaubsort Empuriabrava. Dort hat meine Familie früher regelmäßig Urlaub gemacht. Irgendwie hat dieser Ort eine große Bedeutung für mich. Letztes Jahr war ich dort im Urlaub und hatte das Gefühl, dass ich einen Teil meines Herzens dort gelassen habe. Ich werde wieder dort hinfahren, da bin ich mir sicher. Mein kurzer emotionaler Rückblick wurde durch meine extremen Hüftschmerzen gestört. Esposende war mein Endgegner. Ich konnte nicht mehr weitergehen und blieb alle zehn Meter stehen vor Schmerz. Da kam zum ersten Mal der Gedanke „Warum tue ich mir das hier überhaupt an?“. So hatte ich mir meine Pilgerreise wirklich nicht vorgestellt. Bis Marinhas war es nicht mehr weit. Ich wollte es schaffen! Also ging ich, blieb stehen und ging wieder.

Als sich zwei Wege kreuzten sah ich ein bekanntes Gesicht. Alice kam lächelnd auf mich zu und ich freute mich auch. Gemeinsam quälten wir uns einen Berg hoch und dann sahen wir sie: Die Herberge! Endlich! Geöffnet war noch nicht. Einige Pilger warteten schon vor der Tür und wir reihten uns ein.
Geführt wurde die Herberge vom Roten Kreuz. Die Übernachtung kostete 5€. Es gab zwei Schlafräume mit Stockbetten. Insgesamt konnten ca. 30 Personen in einem Zimmer schlafen. Beim ersten Blick ins Zimmer ging mein Blick an die Decke. Aiaiai alles war voll mit Schimmel. Am Boden krabbelten Käfer herum und die Gummimatratzen auf den Betten haben die besten Jahre auch schon hinter sich gehabt. Ich schickte eine Nachricht an meine Familie und mein Vater sagte, ich solle da morgen bloß schnell abhauen. Ich drehte meine obligatorische Runde durch die Herberge und fiel von einem Schock in den anderen. Vom Wohnzimmer ging eine Treppe runter zu den Duschkabinen. Eine Zwischentür gab es nicht. Neben den Duschen war die Küche, in der schon jemand vergebens den Lichtschalter suchte.
Was so gar nicht ins Bild passte waren die kostenlosen Tampons und Pröbchen für Body Lotion und Creme. „Juhu Body Lotion“, dachte ich und nahm eine mit. Da ich mich nicht unbedingt in diesem Haus aufhalten wollte, schnappte ich mir mein Handtuch und legte mich auf den Rasen vor der Herberge. Das ging 10 Minuten gut, dann hatte ich eine Ameisenkolonie auf mir. Okay dann suchte ich mir eben eine andere Beschäftigung und hielt Ausschau nach sympathischen Gesichtern zum quatschen. Da sah ich auch schon die beiden Facebook-Mädels. Sie waren sichtlich erschrocken von der Herberge und beschlossen, sich eine andere Unterkunft zu suchen. Als ich draußen saß kam eine Frau aus der Herberge, die ich auf den ersten Blick sympathisch fand. Sie erzählte mir direkt, was sie heute erlebt hatte. Auf dem Weg entlang der Gemüseplantagen belästigte sie ein Mann, der vor ihr seine Hosen herunterließ und anfing zu masturbieren. Erst ging sie weiter und als er ihr hinterherrief, dachte sie sich „Nicht mit mir!“. Sie zückte ihr Handy und rannte auf ihn zu und beschimpfte ihn. Daraufhin suchte er schnell das Weite. Nach der Geschichte wusste ich: Die mag ich! Ihr Name ist Nici, sie kommt auch aus Deutschland.

Vom Tag war noch so viel über und niemand wollte sich in der Herberge aufhalten, da ging ich mit Alice einen Kaffee trinken. Außerdem mussten wir Proviant einkaufen, denn die morgige Etappe führte durch Berge und mein Reiseführer hatte empfohlen, sich gut einzudecken. Also noch mehr Gewicht auf dem Rücken, na super! Wie sollte ich das nur schaffen?

Nach unserer Einkaufstour lernten wir Rene aus Kanada kennen. Er und Nici hatten sich heute auf dem Weg kennengelernt. Wir vier verabredeten uns für später zum gemeinsamen Abendessen im einzigen Restaurant des Ortes. Doch vor dem Essen wollte ich noch duschen. Ich ging also mit meinen Duschsachen durch das Wohnzimmer, runter zu den Duschen. Warmes Wasser war aus, aber daran hatte ich mich ja bereits gewöhnt. In den Kabinen neben mir duschten weitere Pilger aus Belgien. Männliche Pilger. Und sie haben geschrien wie am Spieß. Das Wasser war den Herren wohl zu kalt. Ich habe mich nicht mehr eingekriegt vor Lachen. Plötzlich begann das Licht zu flackern und sie schrien noch mehr! Ich hatte schon Bauchweh vor Lachen. Egal wie schlimm die Situation ist, man sollte einfach trotzdem lachen. Das war auf jeden Fall das lustigste Duscherlebnis, was ich je hatte. Nach dem Duschen freute ich mich auf die Bodylotion. Leider ließ sich die Creme nicht aus der Packung drücken. Die lag da wohl schon ein wenig länger.  



Das Essen mit Nici, Alice und Rene war sehr schön. Ich hatte Pizza, die ich nicht ganz aufgegessen hatte. So konnte ich einen kleinen Snack für den nächsten Tag zurückhalten. Rene schrieb direkt seine Erlebnisse beim Abendessen in sein Tagebuch. Ich fühlte mich irgendwie geehrt, so ein wichtiger Teil an seinem Tag gewesen zu sein. Als wir zurück in der Herberge waren, erzählte eine Frau, ihr Name ist Sabina, dass es in einem Waldstück, welches wir den nächsten Tag passieren mussten, einen Angriff auf eine Pilgerin gab. Das hatte sie in einer Jakobsweg Facebook-Gruppe gelesen. Ein älterer Mann attackierte die Frau und verletzte sie, doch sie konnte zum Glück wegrennen. Diese Neuigkeit löste Unbehagen in uns aus. Mittlerweile war auch Ralph in der Herberge angekommen. Er schlug vor, am nächsten Tag in Gruppen durch dieses Waldstück zu gehen, was auch Nici, Sabina, Alice und ich bejahten. Während wir uns über den Angriff unterhielten, kam ein sehr alter Mann in die Herberge. Er war bereits 90 Jahre alt! Wahnsinn. Englisch konnte er nicht, er sprach nur Französisch. Es wurden die Betten getauscht, damit er nicht noch auf eine Leiter in sein Bett klettern musste.

Zur Schlafenszeit, also gegen 20 Uhr, unterhielt ich mich noch mit Nici, die im Bett neben mir lag. Wir waren beide sehr angeekelt von dieser Herberge. Ich durchsuchte dann booking.com nach einer privaten Unterkunft in der nächsten Stadt. Ich fand ein Hotelzimmer für drei Personen und buchte es für Nici, Alice und mich. Der Gedanke an eine bessere Unterkunft ließ mich tatsächlich friedlich müde werden. Ich wollte noch meine Zähne putzen gehen und erstarrte kurz, als der alte, französische Mann mit heruntergelassener Hose vor dem Waschbecken der Frauentoilette stand. Ich wollte nicht wissen, was er da machte und putzte meine Zähne im Keller. Zurück im Bett ging mein Griff zu meinem Ohropax. Mein Handy lud ich an meiner Powerbank auf, die ich mit im Bett liegen hatte. Zum Aufladen gab es nämlich nur die Möglichkeit, an einer 10er Steckerleiste, an der schon acht Handys hingen. Sicher sah das nicht aus. Den Blick auf den Schimmel neben meinem Bett gerichtet, schlief ich ein. Was für ein Tag.     

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